SILICON VALLEY TRIFFT SCHWEIZ

Die Faszination für das Silicon Valley ist in Schweizer Führungsetagen gross. Die Missverständnisse darüber sind es oft auch. Was viele bewundern, ist Geschwindigkeit, Innovation, Skalierung. Was dahinterliegt, wird seltener reflektiert: ein konsequent gestaltetes System aus klaren Hypothesen, dezentraler Verantwortung und radikaler Priorisierung.

Ich war mehrere Jahre im Corporate-Innovation- und Startup-Ökosystem des Silicon Valley sowie in Europa tätig. Heute begleite ich Transformations- und Wachstumsprojekte in Schweizer Unternehmen – von der strategischen Ausrichtung bis zur operativen Verankerung. Aus dieser Perspektive wird schnell klar: Die Logik des Valley lässt sich nicht kopieren. Aber sie lässt sich übersetzen.

Denn Rahmenbedingungen, Governance-Strukturen, Stakeholder-Landschaften und der Umgang mit Risiken sind in der Schweiz grundlegend anders. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie werden wir wie das Silicon Valley? Sondern: Welche Prinzipien daraus sind wirksam – und wie integrieren wir sie verantwortungsvoll in unsere Realität?

Was wir vom Silicon Valley lernen können

Klare Hypothesen statt grosser Masterpläne.

Im Valley beginnen Initiativen selten mit perfekten Fünfjahresplänen. Sie starten mit einer Annahme über Wirkung – und einem klaren Test. Der Fokus liegt nicht auf Planungsdetaillierung, sondern auf Lernfähigkeit.

Übertragen auf Transformation bedeutet das: weniger starre Zielbilder, mehr explizite Annahmen. Entscheidend ist nicht primär das Tool (Business Model Canvas, MVP, Lean Startup, usw.), sondern die Disziplin, Hypothesen sichtbar zu machen, Wirkung zu messen und konsequent nachzuschärfen. Aktivität ersetzt keine Evidenz.

Operating Models als Wachstumshebel

Geschwindigkeit ist kein Kulturphänomen. Sie ist das Resultat klarer Entscheidungsarchitekturen. In erfolgreichen Tech-Umgebungen wird präzise definiert: Wer entscheidet was? Wo liegt End-to-End-Verantwortung? Wie werden Zielkonflikte priorisiert? Operating Models sind dort kein Organigramm, sondern Produktivitäts- und Wachstumshebel. Methoden und Tools wie RACI, Decision Boards, Stage-Gate-Prozesse, und Quarterly Business Reviews werden im Silicon Valley aktiv genutzt, laufend überprüft und bei Bedarf unkompliziert angepasst. Struktur schafft dabei nicht Bürokratie – sie schafft Klarheit. Und Klarheit ermöglicht Tempo.

Cross-funktionale Verantwortung statt Silos

Ein zentrales Element des Valley-Mindsets ist nicht nur Innovation, sondern Integration. Wirkung entsteht dort, wo Business, Technologie und operative Einheiten gemeinsame Ziele tragen und über Funktionen, Standorte und Hierarchien hinweg zusammenarbeiten – nicht nebeneinander, sondern miteinander.

Cross-funktionale Zusammenarbeit bedeutet mehr als Workshops oder neue Meetingformate. Sie verlangt Klarheit über Rollen, über gemeinsame KPIs und über End-to-End-Verantwortung. Erst dann reduzieren sich Reibungsverluste und Silo-Denken – und Geschwindigkeit wird stabil statt zufällig.

Was wir besser nicht übernehmen sollten

Dauerhafter Ausnahmezustand als Arbeitsmodus

Der permanente Hochleistungsmodus mag in frühen Startup-Phasen funktionieren. In etablierten Unternehmen mit langfristigen Kundenbeziehungen, regulatorischer Verantwortung und komplexen Stakeholder-Strukturen ist er weder gesund noch nachhaltig. Geschwindigkeit entsteht nicht durch Druck. Sie entsteht durch Priorisierung.

Governance ignorieren

„Move fast and break things“ ist ein Slogan aus einer spezifischen Phase einer spezifischen Branche. In regulierten Märkten führt er nicht zu Innovation, sondern zu Vertrauensverlust. Geschwindigkeit muss in saubere Governance eingebettet sein: klare Entscheidungslogiken, transparente Verantwortlichkeiten, klar mandatierte Gremien. Governance ist dabei kein Bremsklotz. Richtig gestaltet ist sie ein Stabilitätsrahmen, der mutige Entscheidungen überhaupt erst ermöglicht.

Kultur kopieren statt gestalten

Schlagworte wie „Fail fast“ oder oberflächlich übernommene Rituale bleiben wirkungslos, wenn sie nicht in bestehende Werte und Verantwortungslogiken eingebettet sind.

Kultur entsteht nicht durch Parolen. Sie entsteht durch wiederholtes Verhalten – in Entscheidungen, im Umgang mit Fehlern, in der Art, wie Risiken diskutiert werden.

Übersetzungsarbeit statt «copy-paste»

Die spannendsten Transformationen entstehen dort, wo das Beste aus zwei Welten zusammenkommt – die Experimentierfreude und Klarheit des Silicon Valley und die Langfristigkeit, Qualität und Verantwortung, für die Schweizer Unternehmen stehen.

Die Prinzipien, die meine Arbeit im Innovationsumfeld des Silicon Valley geprägt haben, fliessen heute in meine Mandate bei Red Heights ein – nicht als «copy-paste», sondern als systematische Übersetzung in die gewachsenen Strukturen Schweizer Unternehmen.

Diese Erfahrungen zeigen: Die eigentliche Herausforderung liegt nicht zwischen Schweiz und Silicon Valley. Sie liegt im Spannungsfeld zwischen Geschwindigkeit und Verantwortung. Transformation ist keine Kopierleistung. Sie ist präzise Übersetzungsarbeit. So bleiben die Ansätze aus dem Silicon Valley nicht leere Schlagworte, sondern werden wirksam in Schweizer Unternehmen verankert.

Welche dieser Prinzipien entfalten in deinem Unternehmen bereits Wirkung – und wo liegt noch ungenutztes Potenzial?


Weiter
Weiter

Was Pionierunternehmen im Umgang mit AI anders machen.